Crash-Plan fürs ETF-Depot: Regeln vor dem Einbruch festlegen
Was tun, wenn dein ETF-Depot einbricht? Mit einem Crash-Plan auf einer Seite legst du Aktienquote, Sparrate und Rebalancing fest, bevor die Angst entscheidet.
Der Kurs deines Welt-ETF ist in wenigen Wochen deutlich gefallen. Die Schlagzeilen sprechen von Ausverkauf, im Freundeskreis redet plötzlich jemand über Cash. Du öffnest die Broker-App zum dritten Mal heute, der Verlust steht dort in Rot, und in dir wächst der Gedanke: Verkaufen und abwarten, bis sich die Lage beruhigt hat. Genau in diesem Moment entscheidet sich, ob dein Depot über zwanzig Jahre wächst oder ob du einen Teil des Gewinns verschenkst.
Das Problem ist nicht dein Wissen. Das Problem ist der Zeitpunkt der Entscheidung. Wer mitten im Einbruch entscheidet, entscheidet unter Stress. Wer vorher entscheidet, entscheidet mit klarem Kopf. Dieser Artikel zeigt dir, wie du in ruhigen Zeiten eine einseitige Anlagerichtlinie festlegst – einen Crash-Plan –, damit du im Einbruch nur noch nachschlagen musst, statt neu zu entscheiden.
Warum ein Plan im Einbruch mehr hilft als Disziplin
Viele Anleger nehmen sich vor, im Einbruch einfach ruhig zu bleiben. Das klappt, solange der Kurs steigt. Fällt er, kämpfst du gegen eingebaute Reflexe. Die Verhaltensökonomie beschreibt das als Verlustaversion: Ein Verlust schmerzt in der Regel stärker, als ein gleich grosser Gewinn Freude macht. Das ist keine Charakterschwäche, sondern ein verbreitetes Muster, das bei fast allen Menschen vorkommt. Wie stark es bei dir ausfällt, merkst du erst, wenn es so weit ist.
Ein schriftlicher Plan nimmt dem Moment die Macht. Du musst keine Entscheidung treffen, du führst eine Entscheidung aus, die du früher getroffen hast. Profis nennen so ein Dokument Anlagerichtlinie. Für ein privates ETF-Depot reicht eine Seite. Wichtig ist, dass der Plan vor dem Einbruch existiert und dass du ihn im Einbruch nicht umschreibst.
Mehr zu den typischen Denkfehlern, die Anleger Rendite kosten, findest du im Beitrag Die 5 teuersten Anlegerfehler. Der Crash-Plan ist die praktische Antwort darauf.
Was in deinen Crash-Plan gehört
Ein guter Plan beantwortet fünf Fragen. Jede davon schreibst du in ein oder zwei Sätzen auf.
- Welche Aktienquote ist dein Ziel? Also welcher Anteil deines Depots in Aktien-ETFs liegt und welcher in Obligationen, Gold oder Cash. Wie du das festlegst, erklärt der Beitrag Asset Allocation: Wie du dein ETF-Depot richtig aufbaust.
- Wie viel Verlust hältst du aus? Nicht in Prozent im Kopf, sondern in Franken. Dazu gleich mehr.
- Wie hoch ist deine Sparrate und läuft sie weiter? Die klare Antwort lautet in aller Regel: Ja, sie läuft weiter.
- Wann und wie rebalancierst du? Mit festem Kalendertermin oder festen Abweichungsgrenzen.
- Was tust du ausdrücklich nicht? Zum Beispiel: keine Verkäufe in den ersten 30 Tagen nach einem Kursrückgang, keine neuen Themen-ETFs aus Panik, kein Wechsel der Strategie während eines Einbruchs.
Der fünfte Punkt wirkt unscheinbar und ist der wichtigste. Er legt die Verbote fest, die du im Stress sonst mit guten Argumenten umgehen würdest.
Den möglichen Verlust in Franken durchrechnen
Prozentzahlen bleiben abstrakt. Ein Rückgang um 30 Prozent klingt in einer Tabelle harmlos und fühlt sich im Depot ganz anders an. Rechne deshalb einmal konkret mit deinem eigenen Betrag, bevor der Einbruch kommt.
Ein Beispiel mit angenommenen Zahlen: Dein Depot ist CHF 50'000 gross, davon 80 Prozent in Aktien-ETFs, also CHF 40'000. Fallen die Aktien um 30 Prozent, sind das CHF 12'000 weniger. Dein Depot steht dann bei CHF 38'000 – vorausgesetzt, die restlichen CHF 10'000 bleiben stabil. Die Zahlen sind ein Rechenbeispiel, keine Prognose. Historisch gab es an den Aktienmärkten Einbrüche in dieser Grössenordnung, ob und wann der nächste kommt, kann niemand vorhersagen.
Die entscheidende Frage lautet: Könntest du CHF 12'000 Buchverlust aushalten, ohne zu verkaufen? Wenn die ehrliche Antwort «Nein» lautet, ist deine Aktienquote zu hoch für dich. Dann senkst du sie jetzt, in ruhigen Zeiten. Das ist keine Schwäche, sondern ein Plan, der zu dir passt. Ein Depot mit etwas weniger Rendite-Potenzial, das du durchhältst, schlägt ein ambitioniertes Depot, das du im Tief verkaufst.
Wichtig ist auch die Unterscheidung zwischen Geld, das du investierst, und Geld, das du in den nächsten Jahren brauchst. Wer in zwei Jahren sicher einen grossen Betrag benötigt, gehört mit diesem Geld nicht in einen Aktien-ETF. Ein Einbruch trifft dann nicht nur dein Gefühl, sondern deinen Plan.
Sparrate weiterlaufen lassen
Im Einbruch zeigt sich ein Vorteil des regelmässigen Sparens. Dieselbe monatliche Rate kauft bei tieferen Kursen mehr Anteile. Fällt der Preis eines ETF-Anteils von CHF 100 auf CHF 70, bekommst du für CHF 700 zehn Anteile statt sieben. Erholt sich der Markt später, hast du in der Zwischenzeit mehr Anteile angesammelt.
Das ist kein Garantieversprechen. Ein Markt kann lange tief bleiben, und auch ein Sparplan schützt nicht vor Verlusten. Aber er nimmt dir eine Entscheidung ab: den Zeitpunkt. Wer die Rate im Einbruch pausiert, verpasst genau die günstigen Einstiegskurse, auf die er im Nachhinein so gerne verweist. Im Plan steht deshalb ein klarer Satz: «Die Sparrate läuft weiter, ausser die Lebenssituation ändert sich.» Eine Veränderung der Lebenssituation ist ein Jobverlust, kein Schlagzeilenrückgang.
Wie viel Unterschied zwischen Sparplan und Einmalanlage entstehen kann, vergleicht der Beitrag Sparplan oder Einmalanlage. Mit dem ETF-Sparplan-Rechner kannst du ausprobieren, wie sich verschiedene Sparraten über die Jahre entwickeln.
Eine Reserve ausserhalb des Depots
Viele Panikverkäufe haben einen banalen Grund: Das Geld wird gebraucht. Die Waschmaschine geht kaputt, die Zahnarztrechnung kommt, und das Konto ist leer. Wer dann ETF-Anteile verkaufen muss, verkauft zufällig im Tief. Der Crash-Plan hält deshalb fest, wie viele Monatsausgaben auf einem normalen Konto liegen, bevor der erste Franken ins Depot fliesst. Wie hoch diese Reserve für dich sein soll, hängt von deiner Lebenssituation ab. Wichtig ist nur, dass sie getrennt vom Depot liegt und dass du sie im Einbruch nicht antastest, um Käufe nachzuholen.
So wird aus einem schlechten Börsenjahr kein persönliches Finanzproblem. Das Depot darf schwanken, weil du es nicht brauchst, um den Alltag zu bezahlen.
Rebalancing als eingebaute Gegenbewegung
Nach einem Aktieneinbruch ist deine Aktienquote kleiner geworden. Hattest du 80 Prozent Aktien als Ziel, stehst du vielleicht bei 72 Prozent. Rebalancing bedeutet, diese Abweichung durch neue Käufe oder Umschichtungen wieder zu schliessen. Das fühlt sich im Einbruch unangenehm an, weil du Aktien kaufst, die gerade fallen. Genau deshalb gehört die Regel in den Plan.
Zwei Varianten haben sich bewährt:
- Kalendermethode: Du prüfst einmal pro Jahr (oder alle sechs Monate) an einem festen Datum und stellst die Zielquote wieder her.
- Bandbreitenmethode: Du greifst nur ein, wenn eine Position mehr als einen festgelegten Wert vom Ziel abweicht, zum Beispiel fünf Prozentpunkte.
Am einfachsten rebalancierst du mit frischem Geld: Deine Sparrate fliesst in die Position, die zu klein geworden ist, und du musst nichts verkaufen. Die Details, auch zu Kosten und Steuern beim Umschichten, stehen im Beitrag Portfolio-Rebalancing. Mit dem Rebalancing-Rechner siehst du, welche Beträge du bewegen müsstest.
Die Vorlage: Dein Crash-Plan auf einer Seite
Kopiere die folgende Struktur in ein Dokument und fülle sie mit deinen eigenen Werten aus:
| Punkt | Deine Festlegung (Beispiel) |
|---|---|
| Zielquote Aktien / Rest | 80 / 20 |
| Maximal ertragbarer Buchverlust | CHF 12'000 |
| Sparrate | CHF 500 pro Monat, läuft immer weiter |
| Rebalancing | Einmal im Jahr am 15. Januar, Toleranz fünf Prozentpunkte |
| Verboten im Einbruch | Keine Verkäufe in den ersten 30 Tagen, keine Strategiewechsel, keine neuen Produkte aus Angst |
| Wer wird gefragt, bevor du etwas änderst? | Eine Person, der du vertraust, und dein eigenes Dokument |
Die Werte sind Beispiele, deine eigenen sehen anders aus. Entscheidend ist, dass sie schriftlich vorliegen und datiert sind. Und dass du sie nur in ruhigen Zeiten änderst, nie im Einbruch.
Der Einbruch Schritt für Schritt
Wenn es so weit ist, hilft eine feste Reihenfolge. Du musst nichts erfinden, du gehst die Liste durch:
- Nichts tun, zuerst lesen. Öffne den Crash-Plan, nicht die Broker-App.
- Vergleiche den Verlust mit deiner Grenze. Liegt der Buchverlust in Franken innerhalb dessen, was du festgelegt hast, ist der Plan intakt.
- Prüfe, ob sich deine Lebenssituation geändert hat. Jobverlust, grosse Ausgabe oder ein neues Ziel in wenigen Jahren sind Gründe, den Plan zu überprüfen. Ein Kursrückgang allein ist es nicht.
- Lass die Sparrate laufen. Kein Pausieren, kein Aufstocken aus Mut, ausser der Plan sieht es vor.
- Rebalancing nur zum Termin oder bei Überschreitung der Bandbreite. Dann führst du es aus, ohne darüber zu diskutieren.
- Notiere deine Gedanken. Ein kurzer Eintrag mit Datum zeigt dir später, wie du dich gefühlt hast. Das macht den nächsten Einbruch leichter.
Wer so vorgeht, handelt nicht gleichgültig. Er hat nur die Entscheidung auf einen Zeitpunkt verschoben, an dem sie ihm leichter fällt.
Praxistipp: Die 30-Tage-Regel
Die stärkste Einzelmassnahme gegen Panikverkäufe ist eine Wartefrist. Schreibst du in den Plan: «Willst du verkaufen, wartest du 30 Tage und liest vorher diesen Plan», dann hast du dir selbst ein Bremsmanöver eingebaut. In den meisten Fällen hat sich die Stimmung nach einem Monat verändert, und du entscheidest mit etwas mehr Abstand.
Eine weitere Hilfe: Lösche die Broker-App nicht, aber nimm sie vom Startbildschirm und schau nur zum festen Termin ins Depot. Wer täglich Kurse sieht, sieht auch jeden Rückgang, und jeder Rückgang löst einen kleinen Impuls aus.
Fazit
Ein Crash kommt nicht mit Ansage, aber die Reaktion darauf kannst du heute festlegen. Eine Seite mit Zielquote, Verlustgrenze in Franken, laufender Sparrate, Rebalancing-Regel und Verbotsliste nimmt dem Einbruch den Überraschungseffekt. Sie garantiert keine Rendite und verhindert keine Verluste, aber sie verhindert den teuersten Fehler: die Entscheidung im falschen Moment.
Dein nächster Schritt: Nimm dir heute 20 Minuten, schreibe die fünf Fragen aus diesem Artikel mit deinen Zahlen auf und lege das Dokument dorthin, wo du es im Ernstfall findest.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Finanzbildung und ist keine Anlageberatung im Sinne des FIDLEG. Entscheidungen zu deinem Portfolio triffst du in eigener Verantwortung – bei Bedarf zieh eine qualifizierte Fachperson bei. Einige Links sind Empfehlungslinks: Nutzt du sie, kann das für dich und mich einen Vorteil bringen (z. B. Gebührenrabatt). Das kostet dich nichts und beeinflusst die Inhalte nicht. Mehr unter Profitieren.