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Faktor-ETFs: Bringen Value, Momentum & Quality mehr Rendite?

Momentum-ETFs legen 2026 um 25 Prozent zu. Was Faktor-Investing mit Value, Momentum und Quality wirklich bringt – und wie du es in dein ETF-Depot einbaust.

· · 9 Min. Lesezeit
Beitragsbild Faktor-ETFs: Bringen Value, Momentum & Quality mehr Rendite?

Ein Kollege postet im Anlegerforum seinen Depotauszug: Sein Momentum-ETF liegt seit Januar über 20 Prozent im Plus, während der brave MSCI-World-ETF daneben bei rund 10 Prozent steht. Da drängt sich die Frage auf: Verpasst du systematisch Rendite, weil du stur auf einen Standard-Welt-ETF setzt statt auf sogenannte Faktor-ETFs?

Das ist keine schlechte Frage. Faktor-Investing (auf Englisch Factor Investing) ist kein neuer Trend, aber 2026 rückt es wieder stärker in den Fokus – weil ausgerechnet der Momentum-Faktor gerade eine seiner stärksten Phasen seit Jahren hinlegt. Bevor du jetzt umschichtest, lohnt sich ein nüchterner Blick: Was sind Faktor-ETFs wirklich, was kosten sie zusätzlich – und passen sie überhaupt in ein Depot, das eigentlich auf Einfachheit und langfristige Ruhe ausgelegt ist?

Was sind Faktor-ETFs überhaupt?

Ein normaler Welt-ETF wie ein MSCI-World- oder FTSE-All-World-Fonds bildet den Markt nach Marktkapitalisierung ab: Je grösser ein Unternehmen, desto mehr Gewicht bekommt es im Index. Ein Faktor-ETF dreht daran und gewichtet Unternehmen zusätzlich nach einer bestimmten, messbaren Eigenschaft – einem sogenannten Faktor.

Die akademische Grundlage dafür liefert vor allem das Fama-French-Modell, benannt nach den Wirtschaftswissenschaftlern Eugene Fama und Kenneth French. Sie zeigten in Langzeitstudien, dass bestimmte Aktiengruppen über Jahrzehnte hinweg eine höhere Rendite erzielten als der breite Markt – nicht durch Zufall, sondern durch systematische, wiederkehrende Muster. Diese Überrendite nennt man Faktorprämie.

Ein Faktor-ETF versucht, genau diese Prämie einzusammeln, indem er automatisch und regelbasiert die Aktien übergewichtet, die ein bestimmtes Merkmal am stärksten zeigen. Kein Fondsmanager wählt Titel nach Bauchgefühl aus, alles läuft über einen festen Index. Deshalb bleiben die Kosten trotz der zusätzlichen Selektion im ETF-üblichen, tiefen Bereich.


Die vier wichtigsten Faktoren im Überblick

In der Praxis haben sich vier Faktoren durchgesetzt, für die es breit investierbare ETFs gibt:

FaktorWas er misstGrundidee
ValueGünstig bewertete Unternehmen (tiefes Kurs-Buchwert- oder Kurs-Gewinn-Verhältnis)Unterbewertete Aktien holen die Bewertungslücke langfristig auf
MomentumAktien mit starker Kursentwicklung der letzten 6 bis 12 MonateWas steigt, steigt tendenziell eine Weile weiter
QualityUnternehmen mit stabilen Gewinnen, tiefer Verschuldung, hoher EigenkapitalrenditeSolide Bilanzen überstehen Krisen besser
Size (Low Size)Kleinere Unternehmen (Small Caps) statt GrosskonzerneKleinere Firmen haben mehr Wachstumsspielraum, aber auch mehr Risiko

Dazu kommt oft noch Low Volatility (Aktien mit geringen Kursschwankungen) als fünfter, defensiverer Faktor. Wichtig: Diese Faktoren korrelieren nicht immer miteinander. Value und Momentum etwa laufen sich historisch häufig gegenseitig zuwider. Wenn Value-Aktien gefragt sind, sind es oft nicht dieselben Titel, die gerade Momentum zeigen. Quality gilt unter den vieren als der defensivste Faktor und liefert deshalb oft die stabilste Ergänzung, wenn dir ruhigere Wertschwankungen wichtig sind.

Warum Momentum 2026 plötzlich alle Blicke auf sich zieht

Der Grund für den aktuellen Hype: Der Momentum-Faktor läuft 2026 aussergewöhnlich gut, mit einem Plus von rund 25 Prozent seit Jahresbeginn bei den grössten Momentum-ETFs auf den MSCI World. Über die letzten drei Jahrzehnte hat der MSCI-World-Momentum-Index den breiten Markt im Schnitt um rund 2 bis 3 Prozentpunkte pro Jahr geschlagen – allerdings alles andere als gleichmässig.

Getrieben wird die aktuelle Rally vor allem von grossen Technologie- und KI-nahen Unternehmen, die in Momentum-Indizes automatisch stärker gewichtet werden, sobald ihre Kurse anziehen. Genau das ist die Stärke und die Schwäche des Faktors zugleich: Der Index passt sich der Marktstimmung automatisch an, ohne dass jemand aktiv eingreifen muss.

Genau hier liegt die Falle. Wer erst nach einer Rekordphase in einen Faktor einsteigt, kauft oft zum ungünstigsten Zeitpunkt. Momentum kann sich schnell umkehren, wenn sich das Marktumfeld dreht: 2026 sieht stark aus, 2027 kann komplett anders aussehen. Ein Blick auf die letzten 20 Jahre zeigt, dass praktisch jeder Faktor mehrjährige Durststrecken hatte, in denen er spürbar hinter dem Gesamtmarkt zurückblieb. Value zum Beispiel enttäuschte über weite Strecken der 2010er-Jahre, bevor es 2021/2022 zu einem Comeback kam.


Single-Factor oder Multi-Factor: Was passt für dein Depot?

Du hast grundsätzlich zwei Wege, um Faktoren ins Depot zu holen.

Single-Factor-ETFs bilden jeweils genau einen Faktor ab. Das gibt dir volle Kontrolle, verlangt aber auch, dass du selbst entscheidest, wie viel Value, Momentum oder Quality du haben willst, und die Geduld mitbringst, eine schwache Phase eines einzelnen Faktors auszusitzen.

Multi-Factor-ETFs mischen mehrere Faktoren in einem einzigen Produkt und gleichen damit einen Teil der Schwankungen zwischen den Faktoren aus. Dafür ist die Faktor-Prämie im Ergebnis oft etwas verwässert, weil sich einzelne Faktor-Übergewichtungen gegenseitig teilweise aufheben.

Ein Blick auf konkrete, in der Schweiz über Broker wie Swissquote, Saxo oder Interactive Brokers handelbare Produkte – mit ISIN (der international standardisierten Wertpapierkennnummer, mit der du einen Fonds bei jedem Broker eindeutig findest) und TER (Gesamtkosten):

ETFISINTER pro Jahr
iShares Edge MSCI World Momentum Factor UCITS ETFIE00BP3QZ8250,25 %
iShares Edge MSCI World Quality Factor UCITS ETFIE00BP3QZ6010,25 %
iShares Edge MSCI World Value Factor UCITS ETFIE00BP3QZB590,25 %
iShares STOXX World Equity Multifactor UCITS ETFIE00BZ0PKT830,30 %

Alle vier laufen als UCITS-ETF (die EU-weite Fondsregulierung, unter der praktisch alle in der Schweiz erhältlichen ETFs aufgelegt sind) und sind in Irland domiziliert. Steuerlich sind sie also vergleichbar mit deinem bestehenden MSCI-World- oder All-World-ETF.

Worauf du bei der Auswahl zusätzlich achten solltest

Neben TER und Faktor-Ausrichtung lohnt sich ein Blick auf drei weniger offensichtliche Punkte. Erstens die Fondsgrösse: Faktor-ETFs sind Nischenprodukte im Vergleich zu einem MSCI-World-Fonds mit zig Milliarden Franken Volumen. Ein Fonds unter rund 100 Millionen Franken trägt ein höheres Risiko, irgendwann mangels Nachfrage geschlossen zu werden, was für dich einen ungeplanten, möglicherweise steuerlich ungünstigen Verkauf bedeutet.

Zweitens der Spread, also die Differenz zwischen An- und Verkaufskurs an der Börse. Bei kleineren, weniger gehandelten Faktor-ETFs ist er oft spürbar breiter als bei einem liquiden Welt-ETF. Kaufst und verkaufst du selten und in grösseren Tranchen, fällt das kaum ins Gewicht, bei häufigem Handel schon.

Drittens die Tracking Difference, also wie genau der ETF seinen Faktor-Index tatsächlich nachbildet. Gerade bei Faktor-Strategien mit häufigem Umschichten innerhalb des Index kann die reale Rendite spürbar von der Indexrendite abweichen, unabhängig von der TER. Diese Zahl findest du im Factsheet des jeweiligen Anbieters oder auf unabhängigen Vergleichsportalen wie justETF.

Was der Extra-Kick an Rendite wirklich kostet

Ein breiter MSCI-World-ETF ohne Faktor-Tilt kostet dich je nach Anbieter zwischen 0,12 und 0,20 Prozent TER. Faktor-ETFs liegen mit 0,25 bis 0,30 Prozent nur leicht darüber. Die zusätzliche Selektion kostet also nicht viel extra, weil auch sie regelbasiert und ohne aktives Fondsmanagement läuft.

Ein Rechenbeispiel macht das greifbar: Legst du CHF 50'000 zu 100 Prozent in einen MSCI-World-ETF mit 0,15 Prozent TER an, zahlst du dafür rund CHF 75 pro Jahr an Fondskosten. Splittest du dieselbe Summe im Verhältnis 85 zu 15 zwischen Welt-ETF und einem Momentum-ETF mit 0,25 Prozent TER, steigen die jährlichen Kosten auf rund CHF 82.50, gut sieben Franken mehr im Jahr. Der Kostenunterschied ist also fast zu vernachlässigen. Das eigentliche Risiko liegt nicht im Preis, sondern darin, den Faktor zur falschen Zeit zu kaufen oder zu verkaufen.

Was bei der Rechnung oft vergessen geht: Kaufst du deinen Faktor-ETF zusätzlich zu deinem Kern-ETF, statt ihn zu ersetzen, zahlst du effektiv zwei TER statt einer. Dazu kommt die Stempelsteuer (Umsatzabgabe) beim Kauf über einen Schweizer Effektenhändler wie Swissquote: Bei ausländischen Wertschriften wie den meisten UCITS-ETFs sind das 0,15 Prozent auf den Kaufpreis. Bei einem Broker wie Saxo hältst du die Nebenkosten insgesamt überschaubar, weil auch die Handelsgebühren selbst tief sind.


Chancen und Risiken: Warum Faktoren jahrelang enttäuschen können

Die akademische Evidenz für Faktorprämien ist solide, aber sie gilt für sehr lange Zeiträume: zehn, zwanzig, dreissig Jahre. Für dein persönliches Anlegerleben bedeutet das, dass du bereit sein musst, auch fünf oder mehr Jahre Unterrendite gegenüber dem simplen Welt-ETF auszuhalten, ohne die Faktor-Position genervt wieder zu verkaufen. Genau daran scheitern die meisten Privatanleger: Sie steigen nach einer starken Phase ein, wie gerade jetzt bei Momentum, und wieder aus, sobald es zäh wird. Damit verpuffen die Vorteile des Faktors komplett.

Dazu kommt: Je mehr Anleger einen erfolgreichen Faktor kennen und kaufen, desto mehr kann sich die Prämie durch die zusätzliche Nachfrage selbst abschwächen. Momentum ist seit Jahrzehnten bekannt und trotzdem nicht verschwunden, Garantien für die Zukunft gibt es aber keine.

Untersuchungen zu genau diesem Effekt zeigen, dass viele akademisch entdeckte Faktoren nach ihrer Veröffentlichung einen Teil ihrer historischen Überrendite verlieren, weil zu viel Kapital gleichzeitig in dieselbe Strategie fliesst. Das heisst nicht, dass Faktor-Investing nicht funktioniert, aber es ist ein guter Grund, die Erwartungen an die künftige Überrendite eher tiefer anzusetzen als das, was ein Backtest über die letzten 30 Jahre zeigt.

So baust du Faktor-ETFs sinnvoll ins Depot ein

Wenn du Faktoren ausprobieren willst, ersetze nicht dein Kern-Investment, sondern ergänze es. Ein bewährter Ansatz: 80 bis 90 Prozent deines Aktienanteils bleiben in einem breiten Welt-ETF, 10 bis 20 Prozent gehen in ein bis zwei Faktor-ETFs deiner Wahl. So bleibt dein Depot auch dann solide, wenn ein einzelner Faktor mehrere Jahre schwächelt.

Rebalancierst du dieses Verhältnis einmal im Jahr zurück auf deine Zielquote (mehr zum Prinzip in Portfolio-Rebalancing: Wann und wie du dein ETF-Depot anpasst), verkaufst du automatisch einen Teil der Position, die gerade am stärksten gelaufen ist, und kaufst günstiger nach. Genau das nimmt dir die Entscheidung ab, ob du nach einem starken Jahr wie 2026 bei Momentum nachlegen oder aussteigen sollst.

Willst du dir das manuelle Nachführen mehrerer Positionen sparen: Apps wie findependent bauen dir ein individuelles ETF-Portfolio, bei dem du die Gewichtung zwischen Kern- und Faktor-ETFs selbst festlegst und automatisch rebalancieren lässt. Über diesen Link erhältst du zudem die ersten CHF 3'000 gebührenfrei verwaltet.

Kläre vorher auch, ob thesaurierende oder ausschüttende Varianten besser zu dir passen. Die Antwort hängt wie bei jedem anderen ETF von deiner Steuersituation ab, mehr dazu in Thesaurierend oder ausschüttend: Welcher ETF-Typ passt zu dir?


Praxistipp

Schau dir vor dem Kauf den Kursverlauf des zugrundeliegenden Index über mindestens 10 Jahre an, nicht nur über die letzten 12 Monate. Auf justETF oder direkt beim Indexanbieter findest du die historischen Daten. Zeigt die Historie mehrjährige Phasen, in denen der Faktor spürbar schlechter lief als der breite Markt, ist das kein Warnsignal, sondern eher ein gutes Zeichen: Es bedeutet, dass die Prämie über echte Geduldsphasen zustande kommt und nicht bloss ein Rückspiegel-Effekt der letzten Monate ist.

Fazit: Dein nächster Schritt

Faktor-ETFs sind kein Wundermittel und kein Ersatz für einen soliden Welt-ETF als Depotkern, aber eine sinnvolle, kostengünstige Ergänzung, wenn du bereit bist, mehrjährige Schwächephasen auszusitzen. Die aktuelle Momentum-Rally ist ein guter Anlass, dich mit dem Thema zu beschäftigen, aber ein schlechter Grund für einen spontanen Einstieg mitten in der starken Phase.

Dein nächster Schritt: Leg dir eine feste Faktor-Quote fest, bevor du kaufst, zum Beispiel 15 Prozent deines Aktienanteils, und halte dich unabhängig von der Marktlage daran. So nimmst du dir selbst die Entscheidung ab, im Hype ein- und in der Flaute wieder auszusteigen.


Dieser Artikel dient der allgemeinen Finanzbildung und ist keine Anlageberatung im Sinne des FIDLEG. Entscheidungen zu deinem Portfolio triffst du in eigener Verantwortung – bei Bedarf zieh eine qualifizierte Fachperson bei. Einige Links sind Empfehlungslinks: Nutzt du sie, kann das für dich und mich einen Vorteil bringen (z. B. Gebührenrabatt). Das kostet dich nichts und beeinflusst die Inhalte nicht. Mehr unter Profitieren.