Robo-Advisor oder ETF selber kaufen: Was passt zu dir?
Robo-Advisor wie findependent oder True Wealth bauen dein ETF-Portfolio automatisch auf. Was das wirklich kostet – und wann sich Selbermachen mehr lohnt.
Du willst monatlich CHF 300 oder 500 in ETF investieren, aber sobald du die erste Broker-App öffnest, wird aus «einfach anfangen» ein Vergleich von vier Robo-Advisor-Apps, drei Online-Brokern und der Frage, ob ein automatisches Portfolio die zusätzliche Gebühr überhaupt wert ist. Genau diese Entscheidung, Robo-Advisor oder ETF selber kaufen, blockiert mehr Sparpläne, als sie beschleunigt. Am Ende beider Wege steht ohnehin dasselbe Ziel: ein breit diversifiziertes ETF-Portfolio, das über Jahrzehnte wächst.
Die gute Nachricht: Die Antwort hängt von drei simplen Faktoren ab, wie viel Startkapital vorhanden ist, wie viel Zeit du investieren willst, und wie ehrlich du zu dir selbst bist, wenn die Börse mal 20 Prozent verliert. Dieser Artikel zeigt, was Robo-Advisor in der Schweiz wirklich kosten, was Selbermachen an Aufwand bedeutet, und für wen sich welcher Weg lohnt.
Was ein Robo-Advisor überhaupt macht
Ein Robo-Advisor ist eine App, die dein Geld nach einem kurzen Fragebogen automatisch in ein diversifiziertes ETF-Portfolio investiert, und es danach selbständig verwaltet. Ein paar Fragen zu Anlagehorizont, Risikobereitschaft und Zielen, eine Überweisung, und der Algorithmus übernimmt den Rest: ETF auswählen, Positionen kaufen, bei Bedarf rebalancen (also die ursprüngliche Gewichtung zwischen Aktien und Obligationen wiederherstellen), teilweise sogar mit Steueroptimierung.
Die Risikobereitschaft aus dem Fragebogen bestimmt direkt die Aktienquote: Wer 20 Jahre Anlagehorizont angibt und Schwankungen aushält, landet meist bei 80 bis 100 Prozent Aktien-ETF. Wer in fünf Jahren ans Geld will, bekommt einen deutlich höheren Obligationenanteil vorgeschlagen. Dieser Mechanismus ersetzt im Kern das, was sich ein Selbstanleger sonst selbst erarbeiten müsste.
Der Unterschied zu einem klassischen Online-Broker ist damit klar: Bei einem Broker wie Saxo oder Swissquote wählst und kaufst du jeden ETF selbst. Beim Robo-Advisor fällt diese Entscheidung einmal, bei der Einrichtung, danach läuft das Depot automatisch weiter, inklusive Rebalancing, das viele Selbstanleger schlicht vergessen oder aus Bequemlichkeit aufschieben.
Die grössten Schweizer Anbieter im Überblick
Der Schweizer Markt für digitale Vermögensverwaltung hat sich in den letzten Jahren spürbar ausdifferenziert. Die vier bekanntesten Namen im Vergleich:
| Anbieter | Mindestanlage | Gebühren p. a. (ca.) | Besonderheit |
|---|---|---|---|
| findependent | CHF 500 | 0% bis CHF 2'000 (CHF 3'000 mit Code), danach 0.29–0.40% + ETF-Kosten | Tiefste Einstiegshürde, frei wählbare Strategie |
| Selma Finance | CHF 2'000 | 0.42–0.68%, gestaffelt nach Depotwert | Einfache Nutzerführung, klare No-Kickback-Policy |
| True Wealth | CHF 8'500 | ca. 0.5%, sinkt erst ab CHF 500'000 | Detaillierte Statistiken, frei wählbare Gewichtung |
| Descartes Invest | CHF 10 | ab ca. 0.84% all-in | Stark gesenkte Einstiegshürde, «Minimum-Risk»-Option |
Auffällig: findependent hat mit Abstand die tiefste Einstiegshürde. Mit dem Code KUU7NG sind die ersten CHF 3'000 statt CHF 2'000 dauerhaft gebührenfrei, CHF 1'000 mehr als im Standardangebot. Descartes hat die eigene Einstiegshürde zuletzt ebenfalls drastisch gesenkt, von früher CHF 25'000 auf inzwischen nur noch CHF 10 für das Angebot Descartes Invest. Bei allen vier Anbietern kommen zusätzlich die Fondskosten (TER, die jährliche Gesamtkostenquote des ETF) der zugrunde liegenden Fonds von rund 0.12 bis 0.25 Prozent oben drauf, sofern nicht bereits im All-in-Preis enthalten, plus allfällige Fremdwährungs- und Umsatzabgaben.
Was ein Robo-Advisor wirklich kostet
Die Verwaltungsgebühr klingt auf den ersten Blick harmlos. 0.5 Prozentpunkte pro Jahr zusätzlich, das ist doch nichts. Über die Zeit und mit Zinseszins gerechnet ist es das aber sehr wohl, weil die Gebühr nicht nur auf die einbezahlten Beträge anfällt, sondern jedes Jahr auf den gesamten, bereits gewachsenen Depotwert.
Ein Rechenbeispiel: CHF 500 monatlich über 25 Jahre, bei einer angenommenen Bruttorendite von 6 Prozent pro Jahr.
| Szenario | Kosten p. a. | Depotwert nach 25 Jahren |
|---|---|---|
| Selber ETF kaufen (nur TER) | 0.20% | ≈ CHF 330'000 |
| Robo-Advisor (TER + Gebühr) | 0.70% | ≈ CHF 307'000 |
Die Differenz von rund CHF 23'000 ist keine Kleinigkeit. Sie zeigt, was 0.5 Prozentpunkte zusätzliche Kosten über 25 Jahre mit Zinseszins anrichten, bei identischer Marktentwicklung, nur wegen der Gebührenstruktur. Das ist keine Kritik an Robo-Advisors, sondern schlicht die Rechnung, die vor dem Entscheid auf den Tisch gehört. Die Gebühr wird dabei meist automatisch und quartalsweise direkt aus dem Depot abgebucht, eine separate Rechnung gibt es nicht. Bei kürzerem Anlagehorizont oder tieferer monatlicher Rate fällt die Differenz in absoluten Zahlen kleiner aus, der prozentuale Effekt bleibt aber derselbe. Wer diesen Unterschied lieber selbst in der Tasche behält, findet die konkreten Schritte im nächsten Abschnitt.
Was Selbermachen konkret bedeutet
«ETF selber kaufen» klingt nach mehr Arbeit, als es ist. Der einmalige Aufwand:
- Broker eröffnen. Saxo, Swissquote oder Interactive Brokers – ein Vergleich der drei grössten Schweizer Optionen hilft bei der Wahl.
- Ein bis drei ETF auswählen. Für die meisten reicht ein einzelner Welt-ETF als Kern des Portfolios völlig aus.
- Dauerauftrag einrichten. Einmal pro Monat, automatisiert, danach muss nichts mehr manuell ausgelöst werden.
- Einmal pro Jahr rebalancen. Ein fester Termin im Kalender reicht, um die Gewichtung wiederherzustellen, falls mehrere Anlageklassen gemischt werden.
Der laufende Aufwand danach: wenige Minuten im Jahr. Der Unterschied zum Robo-Advisor ist also weniger die Zeit, die es kostet, sondern die Disziplin, die es braucht, den Dauerauftrag laufen zu lassen und in Crash-Monaten nicht einzugreifen. Wer diese Routine einmal etabliert hat, braucht ab dem zweiten Jahr kaum mehr Aufwand als für den jährlichen Rebalancing-Check.
Was Robo-Advisor nicht können
Bei aller Bequemlichkeit gehört auch die andere Seite zum vollständigen Bild. Robo-Advisor bieten in der Regel keinen Zugriff auf Einzelaktien oder taktische Positionsänderungen ausserhalb des vorgegebenen Modells. Wer eine kleine Krypto-Beimischung möchte, muss diese separat über einen eigenen Anbieter aufbauen, da die Standardportfolios der grossen Schweizer Robo-Advisor praktisch ausschliesslich Aktien- und Obligationen-ETF enthalten. Auch ein Wechsel zwischen Anbietern oder zu einem eigenen Broker-Depot ist nicht gebührenfrei: Ein Verkauf löst Stempelsteuer und Spread aus, weshalb ein einmal gewählter Anbieter idealerweise für mehrere Jahre passt statt jährlich neu evaluiert zu werden. Auch gezielte Wünsche wie das Ausschliessen einzelner Branchen oder Einzeltitel sind bei den einfacher gehaltenen Anbietern kaum umsetzbar, während Anbieter wie True Wealth hier etwas mehr Spielraum bieten.
Wann sich ein Robo-Advisor trotzdem lohnt
Die Kostenrechnung oben spricht für Selbermachen. Trotzdem gibt es gute Gründe, die höhere Gebühr in Kauf zu nehmen.
Kleine Beträge und niedrige Hürde: Mit CHF 500 Startkapital ist findependent oft der einfachere Einstieg als ein Broker-Konto, bei dem ETF-Anteile in ganzen Stückzahlen gekauft werden müssen und Restbeträge liegen bleiben.
Automatisches Rebalancing ohne Aufschieben: Was in der Theorie «einmal im Jahr» heisst, wird in der Praxis oft «irgendwann mal», und dann nie. Ein Robo-Advisor erledigt das zuverlässig im Hintergrund.
Weniger Raum für Emotionen: Die teuersten Anlegerfehler entstehen meist im Kopf, nicht am Markt, Panikverkäufe während eines Crashs oder ständiges Umschichten nach der neusten Marktmeinung. Ein automatisiertes Portfolio, bei dem bewusst keine Einzelentscheidungen mehr getroffen werden, nimmt diese Versuchung von vornherein aus der Gleichung.
Weniger Entscheidungsparalyse am Anfang: Wer sich wie eingangs beschrieben von der Auswahl zwischen Welt-ETF, Replikationsart und Broker überfordert fühlt, kommt mit einem Robo-Advisor schneller überhaupt ins Investieren, statt den Start um weitere Monate hinauszuzögern. Ein durchschnittliches Portfolio, das heute startet, schlägt langfristig fast immer das perfekte Portfolio, das erst in einem Jahr steht.
Wer mit wenig Kapital startet und die Robo-Advisor-Gebühr als Preis für Disziplin, Einfachheit und einen sofortigen Start sieht, trifft damit keine schlechte Wahl. Wer bereits einen fünf- oder sechsstelligen Betrag anlegt und die paar jährlichen Klicks für ein Rebalancing nicht scheut, spart mit der DIY-Variante über die Jahre spürbar mehr.
Der Mittelweg: Klein starten, später wechseln
Ein bewährtes Muster: Mit kleinem Kapital bei einem günstigen Robo-Advisor wie findependent starten, um regelmässiges Sparen überhaupt erst zur Gewohnheit zu machen. Sobald der Depotwert wächst und sich Routine eingespielt hat, lässt sich in aller Ruhe ein Broker-Depot danebenstellen und neues Kapital dort investieren, ohne das bestehende Robo-Advisor-Depot unter Zeitdruck auflösen zu müssen. Als grobe Orientierung: Sobald die jährliche Verwaltungsgebühr in absoluten Franken spürbar wird, etwa ab einem Depotwert im hohen fünfstelligen Bereich, lohnt sich eine Rechnung, ob ein Parallelbetrieb oder ein vollständiger Wechsel mehr Sinn ergibt. Ein kompletter Wechsel kostet ausserdem Stempelsteuer und Spread, ein Nebeneinander in der Übergangsphase ist meist die günstigere Lösung als eine überstürzte Migration.
Praxistipp: Vor dem Entscheid lohnt sich ein ehrlicher Blick auf die eigene Reaktion beim letzten grösseren Kurseinbruch. Wer 2022 oder bei früheren Rückschlägen bereits verkauft hat, obwohl der Plan «langfristig halten» lautete, profitiert stärker von der Automatisierung eines Robo-Advisors als von den gesparten 0.5 Prozentpunkten. Wer diszipliniert durchgehalten hat, kann die Kostendifferenz bedenkenlos selbst einstreichen.
Fazit
Robo-Advisor und Selbermachen führen beide zu einem diversifizierten ETF-Portfolio. Der Unterschied liegt in Kosten, Aufwand und der Frage, wie viel Struktur von Anfang an nötig ist. Wer kleine Beträge automatisiert und diszipliniert investieren will, ist bei findependent, Selma oder True Wealth gut aufgehoben. Wer bereit ist, einmal im Jahr selbst Hand anzulegen, spart über Jahrzehnte einen spürbaren Betrag. Wer sich eingangs von der Fülle an Apps überfordert fühlte: Genau diese Überforderung verschwindet meist nach der ersten bewussten Entscheidung, ganz gleich für welchen der beiden Wege.
Dein nächster Schritt: Rechne dein eigenes Startkapital und deine monatliche Sparrate durch beide Szenarien, und entscheide danach, nicht vorher.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Finanzbildung und ist keine Anlageberatung im Sinne des FIDLEG. Entscheidungen zu deinem Portfolio triffst du in eigener Verantwortung – bei Bedarf zieh eine qualifizierte Fachperson bei. Einige Links sind Empfehlungslinks: Nutzt du sie, kann das für dich und mich einen Vorteil bringen (z. B. Gebührenrabatt). Das kostet dich nichts und beeinflusst die Inhalte nicht. Mehr unter Profitieren.