← Alle Beiträge Investieren

Nachhaltige ETF: Mehr Rendite dank Klumpenrisiko?

Ein ESG-ETF schlug den MSCI World zuletzt um zehn Prozentpunkte – dank hohem Tech-Anteil. Wie du nachhaltige ETF einordnest und Greenwashing erkennst.

· · 8 Min. Lesezeit
Beitragsbild Nachhaltige ETF: Mehr Rendite dank Klumpenrisiko?

Du filterst gerade die ETF-Liste deines Brokers nach «nachhaltig» und stösst auf eine Zahl, die aufhorchen lässt: Ein ESG-ETF (benannt nach den Auswahlkriterien Umwelt, Soziales und Unternehmensführung) hat den MSCI World in den letzten zwölf Monaten um zehn Prozentpunkte geschlagen – 31,5 Prozent Plus gegen rund 21 Prozent beim breiten Weltindex. Klingt nach der seltenen Kombination aus gutem Gewissen und guter Rendite.

Der Haken zeigt sich erst beim zweiten Blick ins Factsheet. Der Fonds steckt zu über 40 Prozent in Technologiewerten, die grösste Einzelposition allein macht fast 14 Prozent aus. Nachhaltig ist an dieser Rendite vor allem eins: das Etikett.

Nicht jeder ETF mit «ESG» oder «SRI» im Namen funktioniert so. Manche folgen strengen Ausschlusskriterien und bleiben dem Weltindex sehr ähnlich, andere wählen gezielt aus und bauen dabei erhebliche Klumpenrisiken auf. Der Unterschied entscheidet darüber, ob du ein breit diversifiziertes Depot hast oder eine konzentrierte Technologie-Wette mit grünem Anstrich. Zeit, das Kleingedruckte zu verstehen.

Zwei Wege zu einem «nachhaltigen» ETF

Hinter dem Sammelbegriff ESG-ETF stecken zwei grundverschiedene Konstruktionsprinzipien, und der Unterschied ist wichtiger als das Label selbst.

Der klassische Weg ist der Ausschluss. Ein Anbieter nimmt einen breiten Index wie den MSCI World und entfernt bestimmte Branchen und Unternehmen: kontroverse und nukleare Waffen, Tabak, Kohlekraft, teils auch fossile Energieträger. Was übrig bleibt, ähnelt dem Ausgangsindex weiterhin stark. Der iShares MSCI World SRI (Socially Responsible Investing, zu Deutsch sinngemäss sozial verantwortliches Investieren) UCITS ETF (Undertakings for Collective Investment in Transferable Securities, die EU-weite Fondskategorie, unter die praktisch alle in der Schweiz erhältlichen ETF fallen) ist ein bekanntes Beispiel: Er schliesst unter anderem Unternehmen mit mehr als 5 Prozent Umsatzanteil aus Kohlekraft, Glücksspiel oder unkonventioneller Öl- und Gasförderung aus. Kostenpunkt: rund 0,20 Prozent TER (Gesamtkosten) pro Jahr, Fondsvolumen knapp 9 Milliarden Euro – ein etablierter, breit gehandelter Fonds.

Der zweite Weg ist die Positivauswahl. Statt einen Index zu kürzen, sucht der Anbieter gezielt Unternehmen, die einen messbaren Beitrag zu einem bestimmten Ziel leisten, etwa den 17 Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen, kurz SDG (Sustainable Development Goals). Nur diese engere Auswahl kommt in den Fonds, meist ergänzt um einen zusätzlichen ESG-Filter. Das Resultat wirkt auf den ersten Blick konsequenter nachhaltig, weicht aber auch deutlich stärker vom breiten Markt ab, mit spürbaren Folgen für Rendite und Risiko.

KriteriumiShares MSCI World SRI (Ausschluss)Swisscanto SDG-ETF (Positivauswahl)
AnsatzBreiter Index minus kontroverse BranchenGezielte Auswahl von SDG-Beitragenden
TER pro Jahrca. 0,20 %0,35 %
Fondsvolumenca. 8,9 Mrd. Euroca. 101 Mio. Euro
Gewicht Top-10-Positionennah am MSCI World (rund 28 %)46,5 %
Rendite letzte 12 Monatenah am MSCI World (rund 21 %)31,5 %

Ein Rechenbeispiel macht den Kostenunterschied greifbar: Legst du CHF 50'000 in den iShares MSCI World SRI mit 0,20 Prozent TER an, zahlst du dafür CHF 100 pro Jahr an Fondskosten. Beim Swisscanto SDG-ETF mit 0,35 Prozent TER sind es CHF 175, also CHF 75 mehr im Jahr für die engere, konzentriertere Auswahl. Der Preisunterschied ist überschaubar, das Konzentrationsrisiko ist es nicht.


Das Beispiel, das gerade für Gesprächsstoff sorgt

Der Swisscanto (IE) ESGen SDG Index Equity World UCITS ETF (ISIN IE000ZI3FFP9), aufgelegt im März 2025, steht für den zweiten Weg. Er wählt aus dem Weltuniversum gezielt Unternehmen aus, die einen Beitrag zu den UN-Nachhaltigkeitszielen leisten, etwa im Bereich saubere Energie, Gesundheit, Bildung oder digitale Infrastruktur, und wendet erst danach einen zusätzlichen ESG-Filter an.

Auf Sicht von zwölf Monaten stehen für diesen Fonds 31,5 Prozent Rendite zu Buche, ein klassischer MSCI-World-ETF kam im gleichen Zeitraum auf rund 21 Prozent. Der Grund liegt in der Branchenverteilung: Technologie macht 40,5 Prozent des Fonds aus, Gesundheitswesen 16,7 Prozent, Kommunikation 15,6 Prozent. Die zehn grössten Positionen bringen zusammen 46,5 Prozent auf die Waage, allein die grösste kommt auf 13,8 Prozent. Im MSCI World liegen die zehn grössten Werte bei rund 28 Prozent, die grösste Einzelposition bei etwa 5,5 Prozent.

Viele Ziele der Vereinten Nationen hängen eng mit Digitalisierung, Energiewende und Gesundheitsversorgung zusammen, also genau jenen Branchen, die zuletzt am stärksten gestiegen sind. Der Fonds gewinnt seine Mehrrendite nicht durch «Nachhaltigkeit» im abstrakten Sinn, sondern durch eine handfeste Sektorwette auf Halbleiter- und Technologiewerte. Mit 0,35 Prozent TER und einem Fondsvolumen von gut 100 Millionen Euro ist er zudem jung und deutlich kleiner als etablierte SRI-ETF.

Das macht ihn nicht automatisch zur schlechten Wahl. Es macht ihn aber zu etwas anderem, als das Wort «nachhaltig» zunächst vermuten lässt: einer thematischen Beimischung mit Schwerpunkt Technologie, nicht einem breiten Basisinvestment.


SFDR: Was das grüne Label wirklich garantiert

Bei europäischen ETF begegnet dir häufig eine Einordnung nach SFDR (Sustainable Finance Disclosure Regulation, die EU-Offenlegungsverordnung für nachhaltige Finanzprodukte). Fonds nach «Artikel 8» bewerben ökologische oder soziale Merkmale, ohne dass Nachhaltigkeit zwingend das Hauptziel sein muss, in der Praxis oft «hellgrün» genannt. Fonds nach «Artikel 9» geben ein nachhaltiges Investitionsziel explizit vor und unterliegen strengeren Anforderungen, entsprechend als «dunkelgrün» eingestuft.

Wichtig für dich als Anlegerin oder Anleger: Diese Einstufung ist eine Offenlegungspflicht und kein Gütesiegel. Ein Fonds meldet selbst, in welche Kategorie er fällt, die Kriterien dahinter unterscheiden sich von Anbieter zu Anbieter erheblich. Ein Artikel-8-Fonds kann in der Praxis strenger gefiltert sein als ein anderer Artikel-9-Fonds. Die Einstufung sagt dir, dass ein Anbieter Nachhaltigkeitsmerkmale offenlegen musste, nicht wie streng er dabei vorgegangen ist. Genau diese Lücke nutzen manche Anbieter im Marketing, wenn als tatsächliche Wirkung verkauft wird, was in der Sache oft nur verwässertes ESG ist.


Warum ESG-Ratings sich oft widersprechen

Fondsanbieter stützen ihre Auswahl häufig auf ESG-Ratings von spezialisierten Agenturen wie MSCI ESG, Sustainalytics, Moody's ESG oder S&P Global. Das klingt nach einem objektiven Massstab, in der Praxis bewerten diese Agenturen dieselben Unternehmen aber oft sehr unterschiedlich. Untersuchungen zu mehreren grossen Ratinganbietern finden für dieselben Firmen Korrelationen zwischen den Scores von teils nur 0,3 bis 0,7, bei 1,0 wären sich alle Anbieter vollständig einig. Das ist deutlich niedriger, als du das von Bonitätsratings gewohnt bist, wo sich die grossen Agenturen meist sehr ähnlich einschätzen.

Der Grund liegt in unterschiedlichen Methoden: Die eine Agentur gewichtet Umweltrisiken stärker, die andere die Unternehmensführung, eine dritte misst relativ zur jeweiligen Branche, eine vierte absolut über alle Branchen hinweg. Ein Ölkonzern kann bei einer Agentur wegen des Klimarisikos schlecht abschneiden und bei einer anderen wegen guter Unternehmensführung im Branchenvergleich noch mittelmässig bestehen.

Für dich bedeutet das: Ein Fonds ist nicht automatisch «gut geprüft», nur weil er sich auf ein ESG-Rating beruft. Wenn du es genau wissen willst, lohnt sich ein Blick darauf, welche Ratingagentur ein Fonds verwendet und welche Methodik dahintersteckt, statt dich auf das Etikett allein zu verlassen.


So erkennst du Greenwashing beim ETF-Kauf

Fünf Fragen lassen sich in wenigen Minuten im Factsheet oder im Basisinformationsblatt (KID, Kundeninformationsdokument) beantworten, bevor du kaufst:

  1. Ausschluss oder Positivauswahl? Steht das im Factsheet nicht klar drin, ist das selbst schon ein Warnsignal.
  2. Wie viele Titel enthält der Fonds im Vergleich zum Mutterindex? Ein MSCI World SRI hält deutlich weniger Titel als der MSCI World, ein SDG-fokussierter Fonds noch einmal weniger. Je enger die Auswahl, desto grösser das Konzentrationsrisiko.
  3. Wie sehen Sektor- und Klumpenrisiko aus? Technologie-Anteil und Gewicht der zehn grössten Positionen im Factsheet mit einem breiten Welt-ETF vergleichen.
  4. Wer legt die Kriterien fest, und sind sie öffentlich einsehbar? Seriöse Indexanbieter wie MSCI, FTSE oder Solactive veröffentlichen ihre Methodik zum Nachlesen.
  5. Was kostet das Label? ESG-ETF liegen meist 0,05 bis 0,20 Prozentpunkte über einem klassischen Welt-ETF, bei eng gefassten Fonds mitunter deutlich mehr.

Was ESG-ETF steuerlich bedeuten

In der Schweiz ändert das ESG-Etikett steuerlich nichts. Ein nachhaltiger ETF wird wie jeder andere ETF behandelt: Der Depotwert unterliegt der Vermögenssteuer, Ausschüttungen zählst du als Einkommen. Bei thesaurierenden Fonds, die Erträge automatisch reinvestieren, gilt dasselbe Prinzip wie bei jedem anderen thesaurierenden ETF. Mehr dazu im Beitrag Thesaurierend oder ausschüttend: Welcher ETF-Typ passt zu dir?

Wähle die Fondsart also nicht wegen des ESG-Filters, sondern weiterhin nach deiner steuerlichen Situation und deinem Anlagehorizont.


Kern oder Beimischung: So baust du ESG-ETF ins Depot ein

Breite, ausschlussbasierte ESG-ETF wie ein MSCI World SRI eignen sich als Ersatz für den Kern deines Depots, weil sie dem Gesamtmarkt strukturell nahe bleiben. Eng gefasste, thematische oder SDG-fokussierte Fonds funktionieren besser als Beimischung von 5 bis 15 Prozent des Aktienanteils, ähnlich wie du auch andere Themenwetten dosieren würdest. Bei einem Depot von CHF 40'000 wären das konkret CHF 2'000 bis 6'000 im SDG-ETF, der Rest bleibt im breiten Kern-ETF. So spürst du die Sektorwette im Depot, ohne dass ein einzelner Rückschlag bei Technologiewerten dein gesamtes Vermögen mitreisst. Wie viel USA- und Technologie-Konzentration ein «neutraler» Weltindex schon mitbringt, zeigt der Beitrag zum Klumpenrisiko USA, und wie du gezielte Strategie-Bausteine sinnvoll dosierst, der Beitrag zu Faktor-ETFs.

Für den Kauf lohnt sich ein Blick auf das Angebot: Bei findependent findest du eine kuratierte Auswahl an Aktien- und Anleihen-ETF für den Sparplan. Meldest du dich mit dem Code KUU7NG an, sind deine ersten CHF 3'000 gebührenfrei, CHF 1'000 mehr als ohne Code. Keine Zusatzkosten für dich, du unterstützt damit investsmart365. Für eng gefasste oder spezialisierte SDG- und Themen-ETF, die nicht jede App im Sortiment führt, bietet sich ein Broker mit breiterer Fondsauswahl an, zum Beispiel Saxo.


Praxistipp

Bevor du einen ESG-ETF kaufst, lade das Factsheet deines bestehenden Welt-ETF und des ESG-Kandidaten herunter und vergleiche die Top-10-Positionen nebeneinander. Tauchen dieselben drei, vier Namen in beiden Listen ganz oben auf, kaufst du mit dem nachhaltigen Zusatz vor allem mehr von dem, was du ohnehin schon hast, nicht mehr Diversifikation. Fünf Minuten Aufwand, bevor das Geld fliesst.

Fazit: Dein nächster Schritt

Nachhaltige ETF sind kein Etikettenschwindel, aber das Label allein sagt wenig über Zusammensetzung, Konzentration oder Kosten aus. Ausschlussbasierte Fonds bleiben nah am breiten Markt und eignen sich als Kernbaustein. Positiv ausgewählte oder thematische Fonds können hohe Renditen bringen, tragen aber ein handfestes Klumpenrisiko und gehören eher als Beimischung ins Depot.

Dein nächster Schritt: Bevor der nächste ESG-ETF in deinen Sparplan aufgenommen wird, öffne das Factsheet und such gezielt nach drei Zahlen: TER, Anzahl Titel und Gewicht der Top-10-Positionen. Sie sagen mehr über die tatsächliche Nachhaltigkeit deines Investments als jedes Label.


Dieser Artikel dient der allgemeinen Finanzbildung und ist keine Anlageberatung im Sinne des FIDLEG. Entscheidungen zu deinem Portfolio triffst du in eigener Verantwortung – bei Bedarf zieh eine qualifizierte Fachperson bei. Einige Links sind Empfehlungslinks: Nutzt du sie, kann das für dich und mich einen Vorteil bringen (z. B. Gebührenrabatt). Das kostet dich nichts und beeinflusst die Inhalte nicht. Mehr unter Profitieren.