Schwellenländer-ETF: Brauchst du Emerging Markets im Depot?
China legt 2026 kräftig zu, Indien stagniert: Wie viel Schwellenländer bereits im Welt-ETF steckt – und ob sich eine gezielte Beimischung lohnt.
Die Finanznews sind seit Monaten voll davon: Chinesische Börsen legen 2026 kräftig zu, während Indien im gleichen Zeitraum praktisch auf der Stelle tritt. Wer nur einen MSCI-World-ETF im Depot hat, schaut bei solchen Meldungen oft irritiert auf den eigenen Kontoauszug, dort hat sich davon nämlich rein gar nichts bemerkbar gemacht. Der Grund ist simpel: Schwellenländer stecken in einem reinen Industrieländer-ETF wie dem MSCI World überhaupt nicht drin. Und selbst bei einem FTSE All-World oder MSCI ACWI ist der Anteil kleiner, als viele Anlegerinnen und Anleger vermuten.
Die Frage, die sich daraus ergibt, betrifft praktisch jedes ETF-Depot: Reicht die Schwellenländer-Quote, die im Welt-ETF ohnehin schon automatisch drin steckt, oder lohnt sich eine gezielte Beimischung obendrauf? Und wie viel China-Risiko schleppt so ein Schwellenländer-ETF eigentlich mit sich herum? Dieser Artikel zeigt, wie viel Emerging Markets bereits automatisch im Depot stecken, was ein gezielter Schwellenländer-ETF zusätzlich bringt, und worauf es bei der Umsetzung ankommt.
Was Schwellenländer-ETF überhaupt abbilden
Schwellenländer, im Fachjargon Emerging Markets, sind Volkswirtschaften, die wirtschaftlich stark wachsen, aber noch nicht den Reifegrad von Ländern wie der Schweiz, den USA oder Deutschland erreicht haben. Die grössten Positionen in den gängigen Schwellenländer-Indizes sind China, Taiwan, Indien und Südkorea, dazu kommen kleinere Positionen aus Brasilien, Saudi-Arabien, Südafrika und rund zwanzig weiteren Ländern. Ein Exchange Traded Fund (ETF) auf einen solchen Index bildet diese Ländermischung automatisch nach, ohne dass du einzelne Aktien aus Shanghai oder Mumbai selbst auswählen musst.
Die zwei gängigsten Indizes stammen von den Indexanbietern MSCI (MSCI Emerging Markets) und FTSE Russell (FTSE Emerging Markets). Beide bilden eine ähnliche Ländermischung ab, unterscheiden sich aber in Details wie der Einstufung Südkoreas, das bei MSCI noch als Schwellenland zählt, bei FTSE dagegen bereits als Industrieland gilt. Für die Praxis reicht dieser Unterschied selten aus, um die ETF-Wahl zu entscheiden, wichtiger sind Kosten und Abdeckung.
Wirtschaftlich sind Schwellenländer längst kein Nischenthema mehr: Zusammen erwirtschaften sie inzwischen deutlich mehr als ein Drittel der weltweiten Wirtschaftsleistung und stellen einen Grossteil der Weltbevölkerung. An der globalen Börsenkapitalisierung sind sie dagegen nur mit einem deutlich kleineren Anteil vertreten, ein Missverhältnis, das viele Anlegerinnen und Anleger als Argument für zusätzliches Aufholpotenzial werten.
Wie viel Schwellenländer schon in deinem Welt-ETF steckt
Bevor du über eine Beimischung nachdenkst, lohnt sich ein Blick auf das, was im bestehenden Depot bereits automatisch drinsteckt. Bei den drei gängigen Welt-ETF-Varianten sieht die Schwellenländer-Quote sehr unterschiedlich aus.
| Welt-ETF-Typ | Schwellenländer-Anteil |
|---|---|
| MSCI World | 0 Prozent (nur Industrieländer) |
| MSCI ACWI | rund 10 bis 11 Prozent |
| FTSE All-World | rund 11 bis 12 Prozent |
Wer bereits einen FTSE All-World oder einen MSCI ACWI hält, hat also automatisch eine Schwellenländer-Position von gut einem Zehntel des Depots, ganz ohne zusätzlichen ETF. Bei einem reinen MSCI-World-Tracker fehlt diese Komponente dagegen komplett, was den eingangs beschriebenen Effekt erklärt: Legt der Schwellenländer-Markt kräftig zu, bewegt sich im MSCI-World-Depot schlicht nichts davon.
Wie lebendig diese Indizes tatsächlich sind, zeigt eine Änderung von diesem Monat: FTSE Russell hat Vietnam per September 2026 vom Grenzmarkt zu einem Schwellenland hochgestuft, gleichzeitig wandert Griechenland von den Schwellen- in die Industrieländer. Vietnam startet zunächst mit einer Mini-Gewichtung von rund 0,02 Prozent im FTSE All-World, das Prinzip zeigt aber gut, wie durchlässig die Grenze zwischen Schwellen- und Industrieland tatsächlich ist. Als Nebeneffekt hat Anbieter Vanguard die Gebühr des FTSE-All-World-Trackers zuletzt von 0,19 auf 0,14 Prozent gesenkt, ein Detail, das für alle Halter dieses ETF direkt mehr Rendite bedeutet, unabhängig vom Schwellenländer-Thema. Für dich als Anlegerin oder Anleger heisst das: Die Schwellenländer-Quote in einem Welt-ETF ist kein fixer Wert, sondern verschiebt sich mit jeder Index-Reklassifizierung leicht, meist um Bruchteile eines Prozentpunkts, spürbar wird das erst über mehrere Jahre hinweg.
Das China-Klumpenrisiko innerhalb der Schwellenländer
Wer gezielt in Schwellenländer investiert, kauft damit nicht automatisch eine gleichmässige Mischung aus zwanzig Ländern. Die grossen Schwellenländer-Indizes sind selbst wieder konzentriert: China, Taiwan und Südkorea zusammen stellen oft weit mehr als die Hälfte der Gewichtung, China allein liegt je nach Stichtag zwischen einem Fünftel und einem Viertel des gesamten Index. Wer einen MSCI-Emerging-Markets-ETF kauft, kauft also zu einem grossen Teil chinesisches und ostasiatisches Marktrisiko, nicht eine gleichmässige Streuung über den gesamten Globus.
2025 hat sich diese Konzentration ausbezahlt: Chinesische Aktien legten laut mehreren Marktanalysen um rund 30 Prozent zu, während Indien im gleichen Zeitraum fast auf der Stelle trat. Genau diese Konzentration ist aber auch das Risiko. Geopolitische Spannungen, staatliche Eingriffe in Unternehmen oder eine schwächere Regierungsführung wirken sich bei einem so hohen China-Anteil direkt auf die gesamte Position aus. Ein Teil der institutionellen Anleger reagiert bereits darauf und verschiebt Kapital gezielt Richtung Indien, Brasilien, Mexiko und Südostasien.
Für alle, die diese Konzentration nicht wollen, gibt es inzwischen sogenannte Ex-China-Varianten, Schwellenländer-ETF, die China bewusst aus der Ländermischung ausschliessen und den Fokus auf Indien, Taiwan, Südkorea und weitere Länder legen. Mehr Streuung innerhalb der Schwellenländer, dafür ohne den grössten Einzelmarkt. Wer sich für eine solche Ex-China-Variante entscheidet, tauscht das Klumpenrisiko eines einzelnen Landes allerdings gegen eine stärkere Gewichtung von Taiwan und Südkorea ein, die zusammen dann oft einen noch grösseren Anteil ausmachen. Eine perfekt gleichmässige Streuung über alle Schwellenländer gibt es in keiner der gängigen Indexvarianten.
Lohnt sich eine gezielte Beimischung
Für eine gezielte Schwellenländer-Position sprechen mehrere Argumente. Erstens das Wachstum: Volkswirtschaften wie Indien oder Vietnam wachsen wirtschaftlich deutlich schneller als die Schweiz, die USA oder die Eurozone, auch wenn schnelleres Wirtschaftswachstum nicht automatisch höhere Aktienrenditen bedeutet. Zweitens die Bewertung: Schwellenländer-Aktien werden im historischen Vergleich zu Industrieländern oft günstiger gehandelt, gemessen an Kennzahlen wie dem Kurs-Gewinn-Verhältnis. Drittens die Streuung: Wer nur einen MSCI-World-ETF hält, ist zu über 60 Prozent in den USA investiert, ähnlich wie beim Klumpenrisiko rund um einzelne Länder im Depot beschrieben, nur eben nicht bezogen auf die Schweiz, sondern auf die USA. Eine gezielte Schwellenländer-Position reduziert diese Abhängigkeit von einem einzelnen Markt zusätzlich.
Dagegen sprechen die höhere Schwankungsbreite, das Währungsrisiko vieler lokaler Währungen gegenüber dem Franken, teils schwächere Unternehmensführung und Transparenz sowie das eben beschriebene China-Klumpenrisiko innerhalb der Schwellenländer selbst. Zudem korreliert der Schwellenländer-Markt in grösseren Krisen oft stärker mit den Industrieländern, als die langfristigen Diversifikationsargumente vermuten lassen. In einem globalen Crash fallen meistens beide Kategorien gemeinsam, nur nicht immer gleich stark. Auch die Liquidität mancher Einzeltitel innerhalb der Schwellenländer-Indizes ist geringer als in den grossen Industrieländer-Märkten, was sich in turbulenten Marktphasen in etwas höheren Handelsspannen niederschlagen kann.
Eine pauschale Antwort gibt es nicht. Wer bereits einen FTSE All-World oder MSCI ACWI hält, hat die Grundausstattung an Schwellenländern automatisch dabei und muss nichts weiter tun. Wer zusätzliches Wachstumspotenzial und mehr Streuung ausserhalb der USA sucht und die zusätzliche Schwankung aushält, kann über eine gezielte Aufstockung nachdenken.
Steuerliche Einordnung kurz erklärt
Bei der Besteuerung gelten für Schwellenländer-ETF dieselben Grundregeln wie für jeden anderen in Irland oder Luxemburg domizilierten ETF. Die Unterscheidung zwischen thesaurierend und ausschüttend entscheidet darüber, ob und wann Erträge in der Steuererklärung auftauchen. Zusätzlich fällt bei vielen Schwellenländern eine lokale Quellensteuer auf Dividenden an, die je nach Land und Doppelbesteuerungsabkommen unterschiedlich hoch ausfällt und bei irisch domizilierten ETF teilweise, aber nicht vollständig, zurückgefordert werden kann. Für die Praxis heisst das: Die Nettorendite nach Quellensteuer liegt bei Schwellenländer-ETF im Schnitt etwas tiefer, als die reine Indexrendite vermuten lässt, ein Effekt, der bei der Auswahl selten entscheidend ist, aber bei der Erwartungshaltung an die künftige Rendite mitgedacht werden sollte.
Konkrete ETF und Umsetzung
Zwei ETF decken die meisten Bedürfnisse ab, je nachdem, ob China Teil der Position sein soll oder nicht.
| ETF | ISIN | TER | Fokus |
|---|---|---|---|
| iShares Core MSCI EM IMI UCITS ETF | IE00BKM4GZ66 | 0.18% | Breite Streuung, über 3'100 Firmen inkl. kleinerer Nebenwerte aus 24 Ländern |
| iShares MSCI EM ex-China UCITS ETF | IE000K8XX1C3 | 0.18% | Ohne China, Fokus auf Indien, Taiwan, Südkorea und weitere Länder |
Das Kürzel IMI steht für Investable Market Index und bedeutet, dass neben grossen Konzernen auch mittlere und kleinere Unternehmen im Fonds stecken, nicht nur die üblichen Schwergewichte. Beide oben genannten ETF liegen bei einer TER (Gesamtkostenquote, die jährlichen Fondskosten) von 0.18 Prozent und lassen sich in ein bestehendes Portfolio als zusätzlicher Baustein neben dem Welt-ETF einbauen.
Über findependent lässt sich eine Schwellenländer-Position innerhalb der frei wählbaren Aktien-ETF-Bausteine ergänzen, inklusive automatischem Rebalancing. Mit dem Code KUU7NG sind die ersten CHF 3'000 statt CHF 2'000 dauerhaft gebührenfrei. Für die spezialisierte Ex-China-Variante oder eine freiere Auswahl bei Anbieter und Gewichtung ist ein Broker wie Saxo die zuverlässigere Anlaufstelle, da spezialisierte Produkte nicht bei jedem Robo-Advisor im Standardangebot enthalten sind.
Als grobe Grössenordnung wird eine zusätzliche Schwellenländer-Position häufig im Bereich von 5 bis 15 Prozent des Aktienanteils diskutiert. Wer bereits über einen FTSE All-World die automatische Quote von rund 11 Prozent hat, verdoppelt oder verdreifacht sein Schwellenländer-Exposure mit einer solchen Position ungefähr. Wie viel im eigenen Fall sinnvoll ist, hängt von der persönlichen Risikofähigkeit und dem gesamten Portfolio ab. Nach der Ergänzung eines neuen Bausteins lohnt sich wie immer ein Blick auf das Rebalancing, damit die neue Position über die Zeit nicht unbemerkt zu gross oder zu klein wird.
Ein Rechenbeispiel zur Einordnung: Bei einem Depot von CHF 50'000 in einem FTSE All-World stecken bereits rund CHF 5'500 automatisch in Schwellenländern. Wer zusätzlich 10 Prozent des Depots, also CHF 5'000, gezielt in einen separaten Schwellenländer-ETF investiert, kommt insgesamt auf eine Schwellenländer-Quote von rund 20 Prozent des Gesamtdepots, deutlich mehr als die automatische Grundausstattung allein.
Praxistipp: Bevor du einen zusätzlichen Schwellenländer-ETF kaufst, lohnt sich ein Blick auf die Länderaufteilung deines bestehenden Welt-ETF. Der Fonds-Factsheet auf der Anbieter-Website oder auf Vergleichsportalen wie justETF zeigt exakt, wie viel Prozent aktuell in China, Taiwan oder Indien stecken. So lässt sich die neue Position gezielt ergänzen, statt am Ende mit zwei ETF ungewollt denselben Markt doppelt zu übergewichten. Wer zusätzlich die Ländertabellen beider ETF nebeneinanderlegt, sieht auf einen Blick, ob sich Positionen wie China oder Taiwan am Ende unnötig doppeln.
Fazit
Schwellenländer sind kein Nischenthema für Spezialisten. Wer einen FTSE All-World oder MSCI ACWI hält, hat bereits eine Basisquote von rund einem Zehntel automatisch im Depot. Wer nur einen MSCI World besitzt oder gezielt mehr Wachstumspotenzial und Streuung ausserhalb der USA sucht, kann mit einem separaten Schwellenländer-ETF nachlegen, sollte sich aber der China-Konzentration innerhalb dieser Indizes bewusst sein.
Dein nächster Schritt: Prüfe die Länderaufteilung deines aktuellen Welt-ETF und entscheide danach, ob eine gezielte Schwellenländer-Position für dein Depot überhaupt noch etwas verändert.
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